Interview mit Dessertbuchautorin Andrina

Dabei sein, Glanzlichter, Lernen im Vivala

Unsere ehemalige Lernende Andrina gewann im Juli 2018 einen Preis für ihre Maturaarbeit „Dessertbuch in Leichter Sprache“. In diesem Interview berichtet sie, wie sie dieses Buch geschrieben hat.

Wie kamst du darauf, ein Dessert-Buch in Leichter Sprache zu erstellen?

An einer Lernbörse im Vivala hielt jemand einen Vortrag über Leichte Sprache. Dieses Thema faszinierte mich und ich wollte es weiter vertiefen. Dass ein Kochbuch mit vielen Bildern und vielleicht sogar mit Cups/Bechern anstatt mit Masseinheiten sinnvoll wäre, diskutierten wir bei einem Weihnachtsessen mit Freunden und Verwandten. Beiläufig wurde mir gesagt, dass ich so ein Buch ja im Rahmen meiner Abschlussarbeit für die Schule erstellen könnte. Die Idee liess mich nicht mehr los und als es dann in der Schule um die Themenauswahl ging, suchte ich frühzeitig Mentoren, die mich in dieser Arbeit unterstützen würden. Dass es ein Dessertbuch und kein Koch- oder Backbuch wurde, hängt damit zusammen, dass ich wollte, dass das Buch für möglichst viele Personen hilfreich ist. Ich wollte nicht diejenigen Personen ausschliessen, die aus Sicherheitsgründen keinen Backofen oder Herd bedienen dürfen oder das nötige Wissen dafür nicht haben. In dem Dessertbuch hat es nun neun Rezepte und nur für zwei Rezepte wird ein Backofen benötigt.

Vor welchen Herausforderungen standest du bei dieser Arbeit?

Herausfordernd war das Verfassen der Rezepte. Leichte Sprache hat Richtlinien, an die man sich halten muss. Es gibt auch einen Duden Leichte Sprache, der mir geholfen hat. Trotzdem gab es immer wieder Momente, in denen ich stundenlang nach einem einfacheren Wort gesucht habe oder die Sätze immer wieder neu umformuliert habe, bis sie trotz Leichter Sprache inhaltlich und grammatikalisch korrekt waren.
Viele Schwierigkeiten stellte ich erst fest, als ich die Rezepte mit einem Bewohner ausprobierte. Ich merkte, dass er Abkürzungen von Masseinheiten nicht verstehen und Esslöffel von Kaffeelöffeln nicht voneinander unterscheiden kann. In der definitiven Version schrieb ich die Masseinheiten dann aus und unterschied zwischen „grosser Löffel“ und „kleiner Löffel“.
Das Fremdwort Muffin konnte er trotz Hilfe nicht lesen und verstehen. Ich nannte die Muffins dann Schokoladenküchlein.

„Trotzdem gab es immer wieder Momente, in denen ich stundenlang nach einem einfacheren Wort gesucht habe oder die Sätze immer wieder neu umformuliert habe, bis sie trotz Leichter Sprache inhaltlich und grammatikalisch korrekt waren.“

Was hat dir Spass gemacht, was weniger?

Kochen und Backen zähle ich zu meinen Hobbies, deshalb hat mir der Arbeitsschritt des Zubereitens der Desserts besonders gut gefallen. Das grösste Highlight war dann aber die Durchführung gemeinsam mit einem Bewohner von der Wohngruppe, auf der ich arbeitete. Er konnte mithilfe des Rezepts selbständig den Einkauf erledigen und den Dessert zubereiten. Voller Stolz streckte er mir den Teller Muffins entgegen und sagte „Andrina, weisst du, ich bin jetzt nicht mehr nur Musiker, ich kann jetzt auch backen“.

Natürlich bestand meine Interdisziplinäre Arbeit nicht nur aus dem Dessert-Buch, sondern ich musste auch eine schriftliche Arbeit mit Einleitung, These, Theorie und Fazit abgeben. Da sie interdisziplinär sein musste, wählte ich die beiden Fächer Deutsch und Naturwissenschaften. Meine Aufgabe war es dann, die Erarbeitung des Dessertbuchs mit Literatur aus diesen beiden Fächern zu verbinden. Der praktische Teil hat mir deutlich mehr Spass gemacht als das Schreiben, auch wenn ich viel dazulernen und profitieren konnte.

„Das grösste Highlight war dann aber die Durchführung gemeinsam mit einem Bewohner von der Wohngruppe, auf der ich arbeitete.“

Wie viel Zeit hast du in diese Arbeit investiert?

Wie viel Zeit ich genau brauchte, kann ich nicht sagen. Aber mit einem kurzen Arbeitsablauf kann man sich vielleicht etwas darunter vorstellen:
1. 10 Rezepte überlegen, die keinen Alkohol/Kaffee enthalten und einfach sind (z.B. kein Eier-trennen)
2. Einkaufsliste erstellen und einkaufen
3. Alle Zutaten einzeln fotografieren
4. Alle Hilfsmittel (Löffel, Schüssel etc.) fotografieren
5. Backen/zubereiten der Desserts
6. Desserts schön herrichten fürs Foto
7. Desserts fotografieren
8. Bilder bearbeiten
9. Mich mit Theorie Leichte Sprache auseinandersetzen
10. Beispielrezepte in Leichter Sprache lesen
11. Rezepte in Leichter Sprache schreiben
12. Erste Überprüfung der Rezepte: Texte in ein Prüftool eingeben
13. Zweite Überprüfung der Rezepte: Texte einem Experten in Leichter Sprache zum Gegenlesen geben
14. Dritte Überprüfung: Texte mit einem Menschen mit einer Beeinträchtigung gemeinsam lesen
15. Rezepte mit einem Menschen mit einer Beeinträchtigung testen (einkaufen/zubereiten)
16. Texte anpassen/vereinfachen
17. Dessert-Buch gestalten
18. Testversion bestellen und nochmals überarbeiten
19. Definitive Version bestellen

Kann man das Buch bei dir erwerben?

Ich habe das Buch auf einer App für Fotobücher gestaltet und dort bestellt. Wenn jemand Interesse hat, kann ich jederzeit ein Buch nachbestellen. Leider sind die Bücher da sehr kostspielig. Mein Ziel für die Sommerferien ist es deshalb, das Buch in einem anderen Format nochmals neu zu gestalten. So könnte ich bei Interesse auch einzelne Rezepte ausdrucken oder ich könnte die Datei sogar bei Amazon hochladen, damit meine Rezepte in Leichter Sprache als Buch veröffentlicht und dort bestellt werden können.

Liebe Andrina, danke für dieses Interview und dieses tolle Buch! Wir bleiben gespannt! Alles Gute für deine Zukunft!

 Andrina_Dessertbuch

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